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"Der Kreidemann": Dichter Thriller mit überraschenden Wendungen

— feeling dead
Der Kreidemann: Thriller - Tasha Tudor, Werner Schmitz

Mit einem unerwarteten Brief wird ein 30 Jahre zurückliegender Mordfall plötzlich wieder aktuell. Im Sommer 1986 entdeckten der 12-jährige Eddie und seine vier Freunde eine zerstückelte Leiche. Weitere Unfälle und Tragödien erschüttern die englische Kleinstadt in dieser Zeit. Erst im Jahr 2016 erfahren Eddie und Co, was damals wirklich passiert ist. Bis zum dramatischen Finale enthüllt die Autorin geschickt nach und nach die Ereignisse.

 

Die Kapitel erzählen abwechselnd die Geschehnisse von 1986 und 2016, wobei viele Kapitel mit einem Cliffhanger enden. Dadurch lässt sich das Buch streckenweise kaum aus der Hand legen. In der Mitte verliert der Thriller allerdings etwas an Tempo, weshalb sich das gewisse Kribbeln erst später wieder einstellt. Trotzdem ist „Der Kreidemann“ insgesamt ein gelungenes Debüt mit einer clever konstruierten Geschichte, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist.

Fesselnd und frustrierend

Das Meer löscht alle Spuren: Ein Fall für Journalistin Nora Sand - Lone Theils, Ulrike Brauns

„Das Meer löscht alle Spuren“ hat mich gefesselt und frustriert. Einerseits erzählt Lone Theils eine hochaktuelle Geschichte auf spannende Weise und in einem flüssig zu lesenden Stil. Andererseits hat der Krimi für meinen Geschmack einige strukturelle Schwächen.

 

Die Rahmenhandlung bildet die herzerwärmende, aber tragische Liebesgeschichte des iranischen Dichters Manash und seiner Frau Amina. Sie müssen aus ihrer Heimat fliehen, werden aber unterwegs ungewollt getrennt. Amina verschwindet spurlos. Manash landet in einem Flüchtlingsheim in Dänemark. Dort fleht er die Journalistin Nora Sand an, Amina zu finden und verspricht ihr im Gegenzug ein Exklusiv-Interview. Nora nimmt sich der Aufgabe an und stößt auf erschreckende Vorgänge, in die skrupellose Großunternehmen verwickelt sind.

 

Das Thema Flucht greift die Autorin auf sensible Weise auf. Sie verdeutlicht, wie unterschiedlich Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft behandelt werden und welche Abgründe es zwischen Menschlichkeit und Profitgier gibt. Letztendlich beschäftigt sich nur ein kleiner Teil der komplexen Handlung mit Geflüchteten. Für meinen Geschmack hätte der Kriminalroman ruhig noch politischer ausfallen können, aber als Unterhaltungsbuch eignet er sich in seiner jetzigen Form sehr gut.

 

Etwas ratlos hat mich das Ende zurückgelassen. Auf der persönlichen Ebene der Charaktere fällt der Schluss sehr emotional aus (Nein, ich habe nicht geweint, ein Allergieanfall hat meine Augen zum Tränen gebracht.). Aber die (…ähm, spoilerfreie Formulierung…) strafrechtlich relevanten Geschehnisse enden viel zu abrupt. Natürlich bin ich froh, dass es kein Klischee-Ende gibt – nach dem Motto die Guten gewinnen und die Bösen verlieren. Aber irgendwie scheinen die Vergehen der Unternehmen und die Grenzüberschreitungen der Geheimdienste so gar keine Konsequenzen zu haben. Die Geschichte endet einfach, ohne dass die Autorin diese Konflikte wirklich auflöst. Dabei hätten sie so viel erzählerisches Potential gehabt.

 

Streckenweise wirkt die Handlung zudem etwas konstruiert. Neben ihrer Suche nach Amina erhält Nora weiterhin reguläre Aufträge zu Artikeln, die sie für ihre dänische Zeitung schreiben soll. Auf den ersten Blick haben die Themen überhaupt nichts mit ihrer Suche zu tun, aber gerade dann, wenn Nora nicht weiterweiß, werden ihre Recherchen für die anderen Artikel plötzlich relevant. Was mit Amina geschehen ist, wird dann gegen Ende ziemlich offensichtlich, auch wenn Nora die Zusammenhänge noch gar nicht erkannt hat.

 

All diese Kritikpunkte stören mich aber auch nur so sehr, weil der Kriminalroman ansonsten wirklich sehr gut war. Aktuelle Themen mit hohem Spannungspotential, Ermittlungen mal nicht aus Sicht der Polizei, eine verwickelte Handlung und interessante Charaktere: „Das Meer löscht alle Spuren“ lohnt sich.

Eine Liebeserklärung an Bücher und ihre Leser

Das Mädchen, das in der Metro las: Roman - Christine Féret-Fleury, Sylvia Spatz

Bei gerade einmal 172 Seiten ist die Handlung überschaubar: Juliette führt ein unauffälliges, wenig aufregendes Leben und mag ihren Job als Immobilienmaklerin nicht besonders. Eines Tages trifft sie den Exil-Iraner Soliman, der sie als Bücherkurierin engagiert. Er ist davon überzeugt, dass jedes Buch das Leben eines Menschen verändern kann – wenn es den richtigen Leser findet. Juliette soll nun geeignete Empfänger für ihre Bücher finden.

 

Christine Féret-Fleury ist ein charmanter Roman über die Magie der Bücher gelungen. Sie ist eine Meisterin der leisen Töne und kommt ohne großes Drama aus. Dabei legt der Roman einen starken Fokus auf das Innenleben der Protagonistin. Hier gefielen mir besonders die Gedankensprünge von Juliette, die viel über sie offenbaren und die ganz natürlich aus der Feder der Autorin zu fließen scheinen. „Das Mädchen, das in der Metro las“ ist im Endeffekt Juliettes Coming-of-Age-Story, denn natürlich hilft sie nicht nur anderen mit Büchergeschenken, sondern findet vor allem ihren eigenen Platz im Leben. Ich fand es sehr angenehm, dass Juliettes eigenen Ambitionen und Wünsche dabei im Vordergrund stehen und das Buch ganz ohne kitschige Liebesgeschichte auskommt.

"Riskante Manöver": Spannende Krise eines unsympathischen Pharmakonzerns

Riskante Manöver: Ein Fall für PR-Agent Mats Holm - Birand Bingül

Ein unsympathischer Pharmakonzern, ein für Kinder tödliches Medikament und zwei verschwundene Mitarbeiter: Die Krisen-PR-Spezialisten Mats Holm und Laura May werden von Wenner Pharma für einen schwierigen Fall engagiert. Die beiden sollen den Konzern durch die Krise führen. Dabei werden sie nicht nur mit einer wütenden Öffentlichkeit und einer gewissenhaften Presse konfrontiert, sondern geraten auch mit einigen arroganten, besserwisserischen Mitgliedern des Unternehmensvorstands aneinander.

 

Autor Birand Bingül erzählt die Geschichte realistisch und rasant. Einzig einige Entwicklungen im Bereich Mord und Folter fand ich überzogen und unnötig für die Geschichte. Der Rest liest sich jedoch sehr spannend. Gerade der Kontrast zwischen der kühlen, berechnenden Welt des Pharmakonzerns und der chaotischen, erschütternden Krankheitssituation der kleinen Sophie charakterisiert die beiden Seiten hervorragend. Mats und Laura müssen hier einen gewaltigen Spagat hinlegen, um ihren Auftrag erledigen zu können.

 

Neben dem komplexen Fall erzählt der Krimi auch die persönliche Geschichte von Mats und seiner verstorbenen Frau Helena, die Lauras Schwester war. Zwischen den Erwachsenen und Mats‘ 19-jähriger Tochter Liv gibt es eine Menge Konflikte. Wodurch diese ausgelöst wurden, erfährt der Leser erst nach und nach in kurzen Erinnerungen. Alle Protagonisten sind mit großer Liebe zum Detail gezeichnet, so dass man schnell mit ihnen mitfiebert. All diese Elemente fügt Bingül zu einem gelungenen und fesselnden Debütroman zusammen.

"Zu nah": Überraschender Thriller mit kleinen Schwächen

Too Close to Breathe - Olivia Kiernan

Nichts ist wie es scheint: Sowohl die Opfer als auch die Verdächtigen in einem Serienmordfall in Dublin verbergen dunkle Geheimnisse. Deswegen erwarten Detective Frankie Sheehan immer wieder Rückschläge, Verwirrungen und Überraschungen bei ihren Ermittlungen. „Zu nah“ von Olivia Kiernan ist ein wirklich guter, wenn auch kein außergewöhnlich guter Thriller.

 

Die spannende Handlung bietet einige unerwartete Wendungen (inklusive einer ziemlich abrupten Auflösung) und teils komplexe Charaktere. Vor allem Frankie ist tough und kompetent, aber aufgrund einer schrecklichen Erfahrung in ihrer Karriere gleichzeitig traumatisiert. Mir hat die dichte Erzählweise gefallen, jedoch hätte ich mir teilweise ein höheres Erzähltempo gewünscht. Manchmal verliert sich die Handlung in bürokratischen Details. Die Polizisten diskutieren beispielsweise ständig die Finanzierung ihrer Arbeit, aber am Ende führen sie alle benötigten Tests und Aufgaben trotz des Jammerns um das knappe Budget trotzdem durch. Das fand ich etwas irritierend. Abgesehen davon fesselt das Buch meistens und ließ sich leicht lesen.

Sensibles Portrait entgegengesetzter Lebensentwürfe

— feeling love
Kleine Feuer überall: Roman - Celeste Ng, Brigitte Jakobeit

Elena Richardson lebt Ende der 1990er Jahre den amerikanischen Vorstadt-Traum: Mit ihrem Mann, einem Anwalt, und ihren vier Kindern wohnt die Journalistin in einem perfekten Haus in Shaker Heights, einer perfekten Gegend nahe Cleveland/Ohio. Image ist hier alles. Doch als die alleinerziehende Fotografin Mia mit ihrer Tochter Pearl in die Gegend zieht, enthüllt die Autorin Celeste Ng nach und nach, welche Probleme sich hinter der perfekten Vorstadt-Fassade verbergen. Freigeist Mia bleibt nur so lange an einem Ort, bis sie ein Fotografie-Projekt abgeschlossen hat, dann zieht sie mit ihrer Tochter und ihrem wenigen Hab und Gut weiter.

 

Beide Familien vertreten komplett unterschiedliche Werte, aber haben auf den ersten Blick ihren Platz im Leben gefunden. Erst als sich die fünf Kinder näher kennenlernen, beginnt die Fassade auf beiden Seiten zu reißen. Anhand dieser scheinbar normalen Familien behandelt Celeste Ng wichtige Themen wie Alltagsrassismus, sexuelle Selbstbestimmung sowie die Bedeutung von Mutter- und Vaterschaft. Dabei zeichnet sie die ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen auf sehr feinfühlige Weise nach. Bis auf das herunterbrennende Haus, das den Rahmen der Geschichte bildet, gibt es keine großen, übertrieben dramatischen Ereignisse. Stattdessen schlägt Ng viele leise Töne an und schreibt in einem angenehm unprätentiösen, klaren Stil. Auf diesem Weg zeigt sie geschickt, wie aus kleinen, lange schwelenden Feuern schließlich ein Großbrand wird.

Interessante Ideen, aber zu konventionelle Umsetzung

Höllenjazz in New Orleans - Avionne Celestin

Die erste Hälfte zieht sich aufgrund der Struktur ziemlich stark hin, während die knappe zweite Hälfte deutlich spannender ausfällt. Insgesamt ist „Höllenjazz“ ein solider und durchaus unterhaltsamer Kriminalroman, der seinem Hype für meinen Geschmack jedoch nicht ganz gerecht wird.

 

Musik, Mafia, Mord: Das Romanumfeld bietet enorm viel Potential. Zwischen der verruchten Jazz-Szene in New Orleans, der mysteriösen Mordserie und dem extremen Kulturclash zwischen verschiedenen Einwanderergruppen habe ich eine besondere Atmosphäre erwartet, die vor Spannung und Exzentrizität knistert. Das war leider nicht der Fall. „Höllenjazz“ ist ein ziemlich konventioneller Krimi. Das ist nicht unbedingt schlimm, immerhin lässt er sich sehr flüssig lesen. Für mich hat jedoch das Besondere gefehlt.

 

Gleich vier Ermittler bearbeiten den Fall um den mysteriösen Axeman:

Detective Lieutnant Michael Talbot leitet die offiziellen Ermittlungen der Polizei und hofft, durch einen Erfolg endlich den Respekt seiner Kollegen zu gewinnen. Ihm zur Seite steht der irische Detective Kerry Behan, der seine eigene Agenda hat.

Der ehemalige Polizist Luca D’Andrea, der gerade seine Gefängnisstrafe wegen Korruption verbüßt hat, soll den Fall für den lokalen Mafiaboss aufklären.

Ida Davis arbeitet als Sekretärin in einer Detektivagentur. Sie ermittelt heimlich selbst im Fall Axeman, um sich ihren Traum, Detektivin zu werden, zu erfüllen. Ida ist mit Lewis Armstrong befreundet und bittet ihn ab und zu um Hilfe.

Der opiumsüchtige Journalist John Riley berichtet über den Fall für die Lokalzeitung.

 

Viele Personen (Eine vier Seiten lange Personenliste leitet den Roman ein… uff.), viele Motivationen. Durch die ständig wechselnden Erzählperspektiven dauerte es ziemlich lange, bis ich eine Bindung zu den Charakteren aufbauen konnte. Gerade im ersten Drittel war es teilweise schwer, den Überblick zu behalten, wer bereits welche Informationen herausgefunden hatte. Obwohl ich alle vier Perspektiven für sich genommen interessant fand, verloren sie durch die kurzen Kapitel und die ständigen Perspektivwechsel viel von ihrer Wirkung. Wahrscheinlich hätte mir der Roman besser gefallen, wenn sich der Autor auf zwei Ermittlungsansätze konzentriert und diese intensiver ausgebaut hätte.

Nicht nur zum Frühstück

halb zehn - das Frühstückskochbuch - Agnes Prus, Yelda Yilmaz

Vom Croissant über israelisches Shakshuka bis zur Tomaten-Chili-Marmelade: Das hochwertig gefertigte Kochbuch enthält Frühstücksrezepte für süße und herzhafte Gerichte sowie für verschiedene Getränke. Neben einigen Klassikern sind hier viele internationale und kreative Kreationen vertreten.

 

Ich habe heute Nachmittag den Erdbeer-Basilikum-Kefir und die Apfel-Zimt-Knoten ausprobiert. Die Rezepte schmecken also nicht nur zum Frühstück. :) Den beiden Freunden, die mitgegessen haben, hat es ebenfalls geschmeckt. Die Beschreibungen sind auf das Wesentliche konzentriert und gut nachzuvollziehen. Selbst das Knoten der Teigstreifen habe ich dank der Fotos und der Anleitung nach ein bisschen Rumprobieren hinbekommen. Die Zutaten hatte ich zum Großteil vorrätig, aber bei den Knoten habe ich statt Demerara-Zucker regulären Rohrzucker verwendet. Beim Kefir habe ich die optionalen Blütenpollen zum Bestreuen weggelassen und nichts vermisst.

Martha tanzt durch brisante Zeiten

Wenn Martha tanzt: Roman - Tom Saller

Tom Saller gelingt die Kunst, wichtige historische Ereignisse mit den Einzelschicksalen seiner Protagonisten zu verknüpfen und daraus einen lehrreichen und mitreißenden Roman zu schaffen.

 

Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 2001, wo Thomas das Notizbuch seiner Uroma Martha zu einem Millionenpreis versteigert. Martha hielt darin ihre Erlebnisse an der Kunstschule Bauhaus in Weimar sowie nach Kriegsbeginn in ihrer Heimat Pommern fest. Berühmte Bauhaus-Künstler wie Paul Klee und Wassily Kandinsky verewigten sich ebenfalls in dem Büchlein. Die Höchstbietende bleibt zunächst anonym, lädt Thomas dann jedoch zu einem Abendessen voll überraschender Wendungen ein.

 

In der zweiten Erzählebene begleitet der Leser die junge Martha durch ihr wechselhaftes Leben vor und während des Zweiten Weltkriegs. In Pommern aufgewachsen, geht sie als Schülerin ans Bauhaus, wo sie sich zu einer Pionierin im Ausdruckstanz entwickelt. Kurz vor Kriegsbeginn kehrt Martha jedoch mit ihrer Tochter Hedi in ihre Heimat zurück und erlebt dort Tragisches, bevor sie schließlich fliehen muss.

 

Die Geschichte bietet eine Menge emotionale, erschreckende und bewegende Momente und lässt sich flüssig lesen. Besonders zu Beginn hat mich die bildreiche Sprache begeistert, die das Geschehen auf ungewöhnliche Weise lebendig werden ließ. Leider hatte ich das Gefühl, dass der Stil mit dem Fortschreiten des Buches etwas nüchterner und weniger inspirierend wurde. Trotzdem halte ich „Wenn Martha tanzt“ für ein empfehlenswertes Buch, das in einigen Passagen besonders aktuell erscheint.

Rasante und brutale Verfolgungsjagd

— feeling shocked
Die Rache der Polly McClusky: Roman - Jordan Harper, Conny Lösch

Dieser Roman ist nichts für Zartbesaitete. Unter White Supremacists im Drogen-Milieu geht es hart und erbarmungslos zur Sache, daran lässt Autor Jordan Harper in seinem Debüt-Roman keine Zweifel.

 

Kurz bevor Nate McClusky vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, bringt er ein Mitglied der Gang Aryan Steel um, das ihn rekrutieren will. Zur Strafe ruft die Gang zum Mord an Nate, seiner elfjährigen Tochter Polly sowie Nates Ex-Frau und Pollys Mutter auf. Für die Mutter kommt jede Hilfe zu spät, doch Nate kann mit Polly fliehen. Doch nicht nur die Gang ist beiden dicht auf den Spuren, auch die Polizei sucht Nate wegen Kindesentführung. Bald werden die Verfolgten selbst zu Verfolgern: Nate versucht, Gangmitglieder einzuschüchtern, damit Aryan Steel ihn und Polly in Ruhe lässt.

 

Harper nutzt einen starken, bildlichen Schreibstil, der sofort Bilder im Kopf entstehen lässt. Dadurch fühlt sich die Geschichte unglaublich lebendig an – allerdings wurde sie mir bei den vielen Gewaltszenen dann jedoch streckenweise zu heftig. Wenn nicht gerade Blut spritzt, baut sich enorm viel Spannung auf. Dazu tragen auch die extrem knappen Kapitel bei.

Ein Buch, das viele unangenehme, aber wichtige Fragen aufwirft

— feeling shocked
Ein mögliches Leben: Roman - Hannes Köhler

Hannes Köhler erzählt eine leise Geschichte, die immer wieder kurz von lauten, brutalen Blitzen aufgebrochen wird. Die Handlung spielt auf zwei zeitlichen Ebenen: Der Gegenwart und der Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Vermutlich hat der Krieg in vielen deutschen Familien ähnliche Spuren hinterlassen, wie das in „Ein mögliches Leben“ der Fall ist.

Drei Generationen sind von der Geschichte betroffen: Franz, seine Tochter Barbara und sein Enkel Martin. Sie alle verbindet eine eher oberflächliche Beziehung. Martin weiß wenig über die Vergangenheit seines Großvaters, sie stehen sich freundlich gegenüber, sind sich aber nicht besonders nahe. Sprachlich wird das schnell deutlich, da der Er-Erzähler Franz wiederholt als der „Alte“ bezeichnet, wenn er die Beziehung von Martin oder Barbara zu Franz beschreibt. Für mich drückt das emotionale Distanz aus. Die Familie kommt sich näher und reißt gleichzeitig alte Wunden auf, als Martin und Franz in die USA nach Texas und Utah an Orte aus der Vergangenheit von Franz reisen.

In der zweiten Handlungsebene wird Franz als junger Soldat während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich von US-amerikanischen Truppen gefangen genommen und landet als Kriegsgefangener in einem Lager in Texas. Die Amerikaner behandeln die Deutschen als homogene Truppe und erwarten daher keine großen Probleme. Die meisten von ihnen sind jung und stürzten sich – überzeugt von der Propaganda des Dritten Reiches – in den Krieg. Doch die Erfahrungen im Gefecht und in Gefangenschaft teilen die Kameraden schnell in zwei Gruppen: Die eine glaubt weiterhin fanatisch an den Nationalsozialismus und schwört Hitler ewige Treue. Die andere beginnt am Krieg und am Nationalsozialismus zu zweifeln, verfolgen liberalere Ideale. Da die Nazis im Lager jedoch äußerst gewaltbereit sind und sich bereits beim kleinsten Verdacht gegen die eigenen Kameraden wenden, halten diese ihre Treffen im Geheimen ab und versuchen ihre Zweifel und Gesinnungswechsel zu verbergen. Eine Ausnahme ist der deutsch-amerikanische Gefangene Paul, der sich aus Überzeugung freiwillig für den Kriegseinsatz in der deutschen Armee gemeldet hat. Er ist Franz‘ bester Freund in Gefangenschaft und arbeitet dort als Dolmetscher. Da ihn der Kriegseinsatz völlig desillusioniert hat, unterstützt Paul die Amerikaner heimlich dabei, Nazis unter den Gefangenen zu identifizieren – auch wenn er einigen seiner Kameraden in den Rücken fällt.

Franz hat Angst vor den Konsequenzen dieser Art des Handelns, doch Paul sagt ihm in einem denkwürdigen Moment: „Irgendwann muss man sich einfach entscheiden und die Konsequenzen tragen. Eine Seite. Eine Meinung. Man kann sich nicht immerzu raushalten.“ (S. 166)

Damit wirft er eine spannende moralische Frage auf, die alle Täter und Mitläufer im ganzen Naziregime betrifft (und die auch heute wieder brandaktuell erscheint): Darf man sich aus Angst um die eigene Sicherheit aus aktuellen Konflikten heraushalten, darf man still bleiben und nicht wiedersprechen, obwohl man mit aktuellen Geschehnissen nicht einverstanden ist? Natürlich gibt es darauf keine einfache Antwort. Weder Feigheit noch totale Selbstaufgabe führen in dieser Situation zum Ziel.

Wie kompliziert eine Entscheidung um die eigene (offene, nicht heimliche) Haltung ist, verdeutlicht der Autor an den beiden Freunden: Der risikoscheue, eingeschüchterte Franz steht dem selbstbewussten, von seinem moralisch korrekten Handeln überzeugten Paul gegenüber. Nur einer von beiden verlässt das Lager unversehrt. Als Franz nach Utah verlegt wird, ist er deutlich gereift. Hier folgt er Pauls Vorbild, meldet sich als Übersetzer und unterstützt die Amerikaner.

Ich fand dieses Buch besonders spannend, da es ein komplexes moralisches Thema anspricht. Darf man mit den Tätern Mitleid haben? Kann sich ein Soldat, der im Namen eines Unrechtsregimes Menschen getötet hat, durch moralisches Handeln rehabilitieren?

Ich muss zugeben, dass ich bisher nur wenig über die Erfahrungen deutscher Kriegsgefangener in den Lagern der Alliierten gewusst habe. Laut dem Roman wurden diese Lager entsprechend der Genfer Konvention geführt. Das steht im starken Kontrast zu den deutschen Konzentrationslagern, wo Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben und sterben mussten. Daher war mein erster Impuls beim Lesen von Franz‘ Erfahrungen zugegebenermaßen: Ist das wirklich wichtig? So viele Menschen haben im Krieg wesentlich Schlimmeres erlebt…

Der Autor beschreibt ausführlich, wie die Gefangenen mit dem Schiff in New York eintreffen, wie sie in Zügen mit Betten (nicht in Viehwagen) die USA durchqueren und wie sie immer ausreichend Nahrungsmittel haben. Einer der Deutschen bricht beim Anblick der vollen Teller gar in Tränen aus. Aber gleichzeitig leben die Männer eben nicht selbstbestimmt, sondern in einem von Stacheldraht eingezäunten Lager. Sie müssen teils bei der Kartoffel- und Baumwollernte harte körperliche Arbeit erledigen. Sie vermissen ihre Familie und Freunde. Sie sind weit weg von Zuhause. Aber eben auch weit weg von einem Kontinent, der vom Krieg zerstört wird. Und keiner der Gefangenen ist unschuldig; alle wurden im Gefecht gefangen genommen.

Hannes Köhler nimmt sich hier einer schwierigen Grauzone an: Menschen können von meisterhaften Manipulatoren zu irrsinnigen Entscheidungen wie einem freiwilligen Einsatz als Soldat verführt werden. Das spricht sie nicht von Schuld und von der Verantwortung für ihre Handlungen frei. Aber Menschen können gleichzeitig die Entscheidung treffen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und nicht in der Opferrolle zu verharren.

"Leere Herzen": Gesellschaftskritischer Roman nah am Puls der Zeit

— feeling hypnotized
Leere Herzen: Roman - Juli Zeh

Die Welt im Jahr 2025: Die EU zerbricht immer mehr. In Deutschland ist eine nationalistisch geprägte Partei an der Macht, die demokratische Rechte immer weiter einschränkt. Das bedingungslose Grundeinkommen wurde eingeführt und es gibt eine Bundeszentrale für Leitkultur.

 

In diesem rauen politischen Klima führen Britta und Babak ihre psychologische Praxis „Die Brücke“, die mit selbstmordgefährdeten Menschen arbeitet. Britta rationalisiert ihre Arbeit als nützlich für die Gesellschaft und sieht sich ganz pragmatisch und gefühllos als einfache Dienstleisterin. Dass einige Aspekte der Brücke dabei höchst unethisch sind, lässt sie kalt. Erst als sie selbst in Gefahr ist, beginnt Britta sich selbst zu hinterfragen.

 

Juli Zeh entwirft in "Leere Herzen" ein schockierendes Szenario, das in der nahen Zukunft spielt und sich teilweise sehr real anfühlt. Sie zeigt, wie wenig demokratische Prinzipien garantiert sein können, die wir eigentlich als selbstverständlich wahrnehmen. Damit wird der Roman hochaktuell. All das packt sie in eine fesselnde Handlung, wobei sie einen dichten Erzählstil verwendet.

"Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken": Feinfühliger Roman über eine Jugendliche mit Angststörungen

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken - John Green, Sophie Zeitz

Wie fühlt es sich an, seine Gedanken und Ängste nicht unter Kontrolle zu haben? John Green gelingt mit „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ein sensibles Portrait eines Teenagers mit Zwangsstörungen. Azas Gedankenspiralen lassen sich sehr gut nachvollziehen.

 

Das im Klappentext angeteaserte Verschwinden eines Milliardärs stellt allerdings nur die Rahmenhandlung dar und spielt eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht Aza, die durch ihre Angststörungen kein normales Leben führen kann. Doch nicht nur ihre eigenen Erfahrungen prägen das Buch, sondern auch die Auswirkungen der psychischen Krankheit auf Azas Umfeld – auf ihre Mutter, ihre beste Freundin und ihr Freund. Da die Angehörigen Betroffener oft in den Hintergrund rücken und deren Schwierigkeiten meist eine untergeordnete Rolle spielen, haben mir die unterschiedlichen Perspektiven auf Azas Problem gut gefallen.

Alle laufen immer nur vor ihren Problemen davon

Das Glück an Regentagen - Marissa Stapley, Katharina Naumann

Maes glückliches Leben in New York City kollabiert, als ihr Verlobter sich als Betrüger herausstellt und ohne Vorwarnung verschwindet. Nach mehreren Polizei-Verhören darf sie die Stadt verlassen und flieht mit gebrochenem Herzen in ihren Geburtsort zu ihren Großeltern Lilly und George. Die zogen Mae groß, nachdem ihre Mutter starb. Gleichzeitig kommt auch der frisch geschiedene Gabe, Maes bester Freund aus Kinder- und Jugendtagen, wegen eines Familiennotfalls in seinen Heimatort zurück. Beide haben sich nicht mehr gesehen, seit sie 18 Jahre alt waren.

Die Geschichte ist gut geschrieben und lässt sich flüssig lesen. Eine wirklich enge emotionale Bindung konnte ich jedoch zu keinem der Charaktere aufbauen, weshalb mich das Buch nicht sonderlich tief berührt hat. Ob Mae und Gabe nun zusammenkommen, war mir am Ende ziemlich egal. Schade fand ich, dass Maes Verlobter nur eine minimale Rolle gespielt hat – das dramatische Ereignis, auf so miese Weise verlassen worden zu sein, hat sie für meinen Geschmack viel zu schnell überwunden. Ich hätte es interessant gefunden, wenn sie ihre Trauer und ihre eigenen Schuldgefühle hätte verarbeiten können.

Am ehesten hat mich die Geschichte von Maes Oma Lilly angesprochen. Sie kämpft mit einer Entscheidung aus ihrer Vergangenheit und leidet gleichzeitig unter altersbedingtem Gedächtnisschwund. Ihr verwirrter Zustand und ihre Angst sind sehr gut nachvollziehbar und schaffen Spannung in der Geschichte.

Leider ist Lillys Geschichte nur einer von ziemlich vielen Handlungssträngen. Viele über Jahre und teilweise Jahrzehnte verschleppte Probleme der Protogonisten ließen sich in wenigen Minuten beheben, würden sie einfach ehrlich miteinander sprechen. Alle scheinen nur vor ihren Problemen wegzulaufen, was ich auf Dauer anstrengend und repetitiv fand. Einige aufgeworfenen Konflikte wie Georges langes Ringen damit, ob er Mae die Wahrheit über sich sagen soll, werden dramatisch in die Länge gezogen und am Ende mit wenigen Sätzen geklärt. Als George seiner Enkelin endlich sein Geheimnis verrät, sagt sie einfach, dass sie damit kein Problem habe. Damit ist das Thema abgehakt und ich fühle mich als Leser etwas veralbert. Der Roman hat einige wirklich interessante Momente, schöpft sein Potential aber leider nicht aus.

"Ich treffe dich zwischen den Zeilen": Schöner Roman für Bücherliebhaber

Ich treffe dich zwischen den Zeilen: Roman - Stephanie Butland, Maria Hochsieder-Belschner

Als introvertierte Einzelgängerin liebt die Protagonistin Loveday Bücher mehr als Menschen. Da ich mich mit ihr sehr identifizieren konnte, fand ich schnell in die Geschichte hinein. Überhaupt ist der Roman für Bücherliebhaber hervorragend geeignet, da Lovedays Liebe zu Büchern ständig präsent ist und auf kreative Weise in die Geschichte einfließt.

 

Loveday hat ihre Eltern früh verloren und wuchs bei einer Pflegemutter auf. Über die traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit spricht sie mit niemandem und ist den meisten Menschen gegenüber generell abweisend. Doch dann lernt sie durch einen Buch-bezogenen Zufall Nathan kennen, der ihre Welt auf den Kopf stellt. Gleichzeitig tauchen an ihrem Arbeitsplatz, einem Antiquariat, gespendete Bücherkisten auf, die Bücher aus dem Besitz von Lovedays Eltern enthalten. Die Ereignisse zwingen die junge Frau sich mit ihrer Vergangenheit und Zukunft auseinanderzusetzen.

 

Lovedays Geschichte bietet verschiedene Konfliktpunkte und die Erlebnisse ihrer Kindheit enthüllt die Autorin erst nach und nach. Manchmal hatte ich allerdings das Gefühl, dass die Protagonistin sich im Kreis dreht und sich die Geschichte etwas zu schleppend vorwärtsbewegt. Dafür gelingt der Autorin ein fulminantes und wirklich bewegendes Finale. Insgesamt ist „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ eine kurzweilige und angenehme Lektüre, die mir gut gefallen hat.

Herrn Haiduks Laden der Wünsche: Putziger Feel-Good-Roman

Herrn Haiduks Laden der Wünsche - Florian Beckerhoff

„Herrn Haiduks Laden der Wünsche“ von Florian Beckerhoff ist ein charmanter Roman mit teils skurrilen Charakteren, der gut unterhält und sich flüssig lesen lässt.

 

Die tatsächliche Geschichte ist in eine Rahmenhandlung verpackt: Herr Haiduks ehemaliger Stammkunde Paul kehrt nach langer Abwesenheit in den Laden. Er hatte früher einen Roman veröffentlicht – mit überschaubarem Erfolg – und die Schreiberei danach aufgegeben. Herr Haiduk sieht in ihm jedoch weiterhin den Schriftsteller und erzählt ihm nun die Geschichte über das gefundene Lotto-Los und die Suche nach dem Besitzer.

 

So ziemlich jeder Charakter hat in diesem Buch seine bizarren bis lustigen Eigenheiten, wodurch sich die Handlung zu einer kleinen Parade skurriler Begegnungen entwickelt. Natürlich behaupten viele Menschen, dass ihnen das Lotto-Ticket gehört, so dass nicht nur angenehme Momente entstehen.

 

Die Geschichte ist wirklich unterhaltsam, nur halt nicht besonders tiefschürfend. Wir lernen kaum einen Charakter wirklich gut kennen: Der Leser erfährt ein bis zwei auffällige körperliche Merkmale sowie zwei bis drei ungewöhnliche persönliche Eigenschaften, so dass die jeweilige Person leicht wiederzuerkennen ist. So entstehen interessante Charaktere mit individuellen Eigenheiten, von denen ich zum Teil gerne mehr erfahren hätte. Die Geschichte ist sehr kurzweilig geschrieben und hat bei mir eine positive Stimmung ausgelöst. Immerhin sind die Protagonisten nicht an der eigenen Bereicherung interessiert, sondern wollen das Richtige tun (auch wenn jeder eine andere Definition davon hat, was richtig ist). Da das Buch dabei meist an der Oberfläche verharrt, hat mich die Wendung/Auflösung am Ende jedoch nicht so richtig überrascht oder bewegt. Herr Haiduk bietet gute Unterhaltung, nicht mehr, nicht weniger.